Dr. M | mit Einführung in der Cinémathèque Leipzig

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Dr. M | mit Einführung Dr. M | mit Einführung

Dr. M | mit Einführung

copy>paste

BRD/Fr/IT 1989, 116 min, Regie: Claude Chabrol
mit Alan Bates, Jennifer Beals, Jan Niklas, Hanns Zischler, Benoît Régent
Format:35 mm

Sprache: Englisch
Language: English

mit Einführung am 03.03.

Berlin in den 1990ern, vor dem Fall der Mauer. Eine junge Frau stürzt sich vor einen Zug; exakt zum gleichen Zeitpunkt sterben zwei weitere Menschen spektakulär. Die epidemisch werdende Reihe von rätselhaften Selbsttötungen versetzt die Stadt zunehmend in Chaos. Kommissar Hartmann vermutet die Verbindung zu einem Wellness-Resort und einem Medientycoon. Chabrol, der böse Chronist des französischen Bürgertums, bleibt seinem grundlegenden Ansatz, "unsere gegenwärtige Gesellschaft in ihrer totalen Verwesung (zu) zeigen", auch in DR. M. treu. Die Figur des Dr. Mabuse stattet er mit dem Werkzeug des späten 20. Jahrhunderts aus: Massenmedien und deren allgegenwärtigem Einfluss.

„Toutes les suicides – c'est tres allemand, n'est-ce pas?“, kommentiert Darsteller Benoît Régent während der Dreharbeiten und gibt damit eine ironische Diagnose des psychologischen Grundmusters des deutschen Volkes einige Jahrzehnte nach Kracauer ab. (nach Gerhardt Middings Drehbericht zu DR. M in der taz)

In Fritz Langs Klassiker von 1923 ist der Bösewicht als Individuum dargestellt und die ihn umgebende Gesellschaft ist abhängig vom Handeln einzelner, willensstarker Männer. In Chabrols Neuverfilmung wird M zum personifizierten Ausdruck eines Systems, dessen Bestandteil er selbst ist. Das zentrale Thema, um das beide kreisen, sind die Prinzipien der Macht und das Motiv des (toten) Tyrannen. Wo Lang den hektischen Totentanz der 1920er- und 30er-Jahre reflektiert, klingt in Chabrols Film die Umbruchssituation von 1989/90 wider. Dr. M hat darin nicht nur alle Fäden in der Hand, er hängt seinerseits auch existentiell an ihnen. Und ganz planmäßig geht in diesem sehr kühlen Krimi gleich noch ein Gesellschaftssystem unter.


Aus der Reihe: copy>paste – Filme und ihre Remakes

Die Geschichte des Films beginnt mit einem Remake: Immer wieder fährt der Zug in den Bahnhof ein – als erstes bei den Gebrüdern Lumière in La Ciotat (1895), danach in New York (1896) oder im Lehigh Valley in Pennsylvania (1896). Seitdem hat sich das Verwerten erfolgreicher Stoffe nicht zuletzt kommerziell bewährt. Dabei hat das Remake mehr zu bieten als das Aufgießen alter Teebeutel. Das Remake ist selten Kopie, aber oftmals Zitat, Kommentar, Modernisierung – kein stumpfes copy, sondern kreatives paste in einen anders gearteten Zusammenhang.

Manche Regisseur*innen orientieren sich am Drehbuch eines existierenden Films und es entsteht etwas völlig Neues (LA JETÉE, Chris Marker, 1962 / 12 MONKEYS, Terry Gilliam, 1995), andere wagen den Transfer einer Geschichte in ein anderes Genre. Oder aber sie verfilmen gleich ein eigenes Werk neu – zum Beispiel um auf gesellschaftliche Unfreiheiten zu reagieren. In einem Fall unserer Reihe ist das Drehbuch von Friedrich Dürrenmatt zu ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG (Ladislao Vajda, 1958) Ausgangspunkt für einen Roman von Dürrenmatt, der wiederum Grundlage eines neuen Films (THE PLEDGE, Sean Penn, 2001) wurde. Herrje. Und manchmal wirkt ein Remake sogar erst mit einigen Jahren Verspätung, weil die historische Bedeutung seines Hintergrunds zur Entstehungszeit noch nicht absehbar war (DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE, Fritz Lang, 1933 / DR. M, Claude Chabrol, 1989).


In our series copy>paste we show films and their remakes. This time we present Fritz Lang's classic of modern entertainment cinema DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE (1932/33) and Claude Charbol's very own version of DR. M from 1989:

Berlin in the 1990s, before the fall of the Wall. A young woman throws herself in front of a train; at exactly the same time two other people die spectacularly. The epidemic series of mysterious suicides causes increasing chaos in the city. Commissioner Hartmann suspects a connection between a wellness resort and a media tycoon. Chabrol, the evil chronicler of the French bourgeoisie, remains true to his basic approach of "showing our society in its total decay". He equips the figure of Dr. Mabuse with the tools of the late 20th century: mass media and their omnipresent influence.