Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger in der Cinémathèque Leipzig

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Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger
  • 9.09.2020
    die naTo
  • 9.09.2020
    Ost-Passage Theater

Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen BürgerIndagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto

Cops

I 1970, OmeU, 115 min, Regie: Elio Petri
mit Gian Maria Volonté, Florinda Bolkan

Sprache: Italienisch mit englischen Untertiteln
Language: Italian with english subtitles

in der naTo mit Einführung

+++English version below+++

Wir freuen uns, dass wir mit einem Teil unserer Filmreihe COPS im Ost-Passage Theater (Konradstr. 27, 04315 Leipzig, über ALDI) zu Gast sein dürfen!
Tickets bitte direkt über das Ost-Passage Theater:
https://ost-passage-theater.de/

Italienisch mit englischen Untertiteln


Es sind die „bleierne Jahre“ – die Zeit ab 1969, als mit dem Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand Italiens Politiker und Geheimdienst begannen mit Terrorismus ihre politischen Gegner zu erledigen. Am Tag seiner Versetzung zur politischen Abteilung tötet der Chef der Mordkommission ("Repression ist Zivilisation.") seine Geliebte. Seiner Unverletzlichkeit sicher, hinterlässt er mit Bedacht Spuren, die eindeutig auf ihn als Täter hinweisen. Er legt sogar ein schriftliches Geständnis ab – doch bleibt über jeden Verdacht erhaben. Das neu eingeführte, computergestützte Profiling weist vielmehr auf einen linken Studenten als Mörder hin … "Der bemerkenswert einfache wie scheußliche Punkt: ... es ist völlig egal ob er der Mörder ist. Der Inspektor kommt ungeschoren davon, weil er das Gesetz in all seiner neurotischen Wut verkörpert." (Evan Calder Williams, Criterion)

Kameramann Luigi Kuveiller fasst diese bitterböse Parabel über Machtstrukturen in eindrückliche Bilder. In Momenten der größten Verdichtung von Indiz und Zeugenschaft ist die Kamera in fast schmerzhafter Nähe zu den Gesichtern der Beteiligten und im Moment aufkommender Klarheit verzerrt sich das Erkennbare.

Tickets für die Vorstellung in der naTo können online gekauft oder reserviert werden: https://booking.cinetixx.de/frontend/#/eventList/2258131773
Reservierte Tickets müssen bis 20 Minuten vor Filmbeginn abgeholt werden. Besucher*innen mit Gutscheinen reservieren bitte ebenfalls online. Restkarten gibt es an der Abendkasse.



+++English version+++

Italian with English subtitles

On the very day of his switch to the political department the chief inspector of the homicide squat commits murder on his mistress. Certain of his inviolability, he carefully leaves traces behind that clearly point to him as the perpetrator. He even makes a written confession, but remains above suspicion. The newly introduced computer-assisted profiling system points on a leftist student as delinquent.

Cameraman Luigi Kuveiller captures this bitterly angry parable about power structures in impressive images. In moments of the greatest condensation of evidence and testimony, the camera is in almost painful proximity to the faces of the people involved,and at the moment of emerging clarity the recognizable is distorted.

We are pleased to be a guest at the Ost-Passage Theater (Konradstr. 27, 04315 Leipzig, via ALDI) with part of our film series COPS!
Tickets can be purchased via the Ost-Passage Theater:
https://ost-passage-theater.de/tickets



Tickets for screenings at the naTo are available online:
https://booking.cinetixx.de/frontend/#/eventList/2258131773
Reservations are also possible there. Reserved tickets must be picked up at least 20 minutes before the screening. Visitors* with vouchers should also reserve online, please. Remaining tickets are available at the box office.





Aus der Filmreihe: COPS

1667 in Paris: Unter Ludwig XIV. wird erstmals eine flächendeckende Straßenbeleuchtung staatlich organisiert, um die Gesellschaft in den Städten besser kontrollieren zu können. Damit einher geht die Schaffung einer Polizei zur "Gewährleistung eines standesgemäßen Lebens".

Die "polizey" – also das gute Benehmen – wechselt die Seiten. Hatten bisher (sozial geächtete) Nachtwächter in der Stadt und Vögte auf dem Land für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, so wandelt sich nun die Überwachung von Regelkonformität in einen militärisch geprägten Verwaltungsakt. Das Handeln von Privatpersonen und deren Gutdünken wird somit in ein steuerbares Werkzeug der Legislative transformiert. Ein Apparat beginnt zu laufen.

Einem solchen Apparat ist auch eigen, niemals nicht zu laufen. Wenn gerade kein Verbrecher zu verfolgen ist, dann bedeutet dies nur, es wird nicht gut genug gesucht – das Verbrechen ist einfach nicht entdeckt. Daraus folgt natürlich, dass intensiver, mit besserer Technik und mehr Befugnissen gesucht werden muss. "All suspects are guilty! Otherwise, they wouldn't be suspects, would they?", heißt es so schön in Kevin Rubios TROOPS (einer am Set von STAR WARS in Drehpausen heimlich umgesetzten Mockumentary, die die Realitiy-TV Serie COPS auf den Arm nimmt).

Die Filmreihe COPS geht von folgender These aus: Das Bild des Polizisten bzw. der Polizistin, das im Film gezeichnet wird, unterscheidet sich von dem öffentlich verbreiteten. Im Gegensatz zu dem von offizieller Seite vermittelten, positiven Bild des neutral und distanziert über der Lage stehenden "Ordnungshüters" ist die Filmfigur eine zerrissene. In ihr kollidiert die gesellschaftliche, historisch-strukturelle Aufgabe mit der (auch persönlichen) Lebensrealität zu konfliktbeladener Ambivalenz.

Es bleibt nicht aus, dass die Personen in dieser Ambivalenz prädestiniert sind, die Ordnung, die sie verkörpern sollen, ihrerseits nicht aufrechterhalten zu können. Polizist*innen sind ebenso korrupt, rassistisch, bündlerisch, hilfsbereit wie alle anderen Menschen.

Die Gewalt, die sie institutionell verkörpern, transformieren sie in der Praxis in ein probates Werkzeug ihres eigenen Handelns. Im Film wird ein solche eskalative "Lösung" von Konfliktsituationen immer wieder legitimiert, indem das Handeln der Polizist*innen emphatisch nachvollziehbar gemacht wird.

Das Fernsehen nimmt in der Darstellung von Polizist*innen in der Regel eine Zwischenstellung ein. In Produktionen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens (TATORT) beispielsweise, aber auch in US-amerikanischen Serien (etwa CAGNEY & LACEY) wird der einzelnen Figur auf persönlicher Ebene der Ausbruch aus dem idealisierten Bild zuweilen gestattet; die strukturelle Ebene jedoch bleibt stets und im Gegensatz zum Spielfilm positiv besetzt.

Das Programm versucht die erläuterten Ambivalenzen und Konflikte zu thematisieren und eine Diskussion über ihre Ursachen und Umstände anzuregen.

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